«Mit dem weiten Mantel, der sie vor Regen und Kälte schützte, dem breitkrempigen Allwetterhut, dem langen Wanderstab als Stütze und Waffe gegen wilde Tiere, angeheftet die Kalebasse als Trinkgefäss, eine an langem Riemen über die Schulter getragene Ledertasche mit Brot und Wein, aber nicht zu viel, Arzneien und Feuerzeug, mit guten Schuhen ausgerüstet, dem Rosenkranz sowie der Muschel als Pilgerzeichen auf Hut oder Mantel – so zogen die Wanderer durchs Land – dem fernen Ziel Santiago di Compostela zu.»
Der Beginn der Pilgerfahrt bedeutete Aufbruch in eine ungewisse Zeit voller Gefahren und Entbehrungen, zu einer Reise, von der man nicht wusste, wo sie endete und ob man überhaupt jemals zurückkehrte. Die Pilger beglichen daher vorher die Schulden, erstellten ihr Testament, lösten sich von allen irdischen Gütern, erhielten den priesterlichen Segen und nahmen Abschied von Haus und Hof.
«Mit der Angst vor den Qualen der Hölle im Nacken, schlecht gekleidet und mangelhaft ernährt, mit wunden Füssen und der fixen Idee von Erlösung und Glückseligkeit wanderten die Jakobspilger im Mittelalter zu Hunderttausenden über Europas Strassen an das Grab des Heiligen Jakobus im äussersten Nordwesten Spaniens gelegen, am Ende der damaligen Welt.»
Was bewegte die Menschen des Mittelalters, diese gefährliche, ungewisse Reise nach Spanien zu unternehmen? Die meisten Pilger zogen nach Santiago, um Erlösung von den Sünden zu erlangen, Heilung von ihren Gebrechen zu erhalten oder ein Gelübde einzulösen, vielleicht auch, um der Unfreiheit ihrer Lebensverhältnisse zu entfliehen. Der innere Drang der Gläubigen, die Frömmigkeit und der Wunsch, zu Gott und den Heiligen zu beten, waren die Beweggründe der Pilgerschaft. Länge und Dauer der Wallfahrt richteten sich nach der Grösse der Schuld und der Schwere der Sünden.

Jakobus der Ältere (spanisch Santiago) war ein Jünger Jesu und wurde später ein Apostel. Er kam als Missionar angeblich bis nach Spanien. Er soll als Reiter auf einem weissen Pferd den Christen gegen die islamischen Mauren beigestanden haben.
Im Jahr 44 nach Christus liess Herodes Agrippa I. den Apostel Jakobus in Jerusalem enthaupten. Sein Leichnahm gelangte um 614 nach Spanien. Die Grabstätte geriet in Vergessenheit und wurde erst um 825 wiederentdeckt. Man errichtete darüber eine erste Kirche. Die wundersamen Ereignisse, die man auf die Vermittlung des Heiligen Jakobus zurückführte, machten Santiago de Compostela zu einem der bedeutendsten Wallfahrtsziele.
Aus der Kirche wurde eine Kathedrale. Hier berührt der Pilger noch heute am Ende seiner Reise die Statue des Heiligen. Die Gebeine sind in einer silbernen Urne in der Krypta zu besichtigen. Der Heilige Jakobus ist der Nationalheilige Spaniens und Schutzherr der Pilger und Wallfahrer.